Arzneimitteltherapie
Chemotherapie bei Hirntumoren
Einführung
Bei Patienten mit einem Hirntumor, wie beispielsweise einem Gliom, besteht nach einer Operation und/oder Strahlentherapie ein erhebliches Risiko für ein Wiederauftreten der Erkrankung. Dies liegt daran, dass diese Behandlungen keine vollständige Entfernung aller Tumorzellen gewährleisten. Gliome sind zudem invasive, infiltrierende Hirngewebe. Daher ist eine systemische Therapie notwendig, um alle malignen Zellen im Gehirn zu erreichen. Obwohl auch die systemische Therapie nicht alle Tumorzellen eliminiert, trägt sie dennoch zu einer verbesserten Prognose bei.
Standard-Chemotherapie
Seit 2006 ist Temozolomid (Handelsname Temodal) das einzige zugelassene und erstattungsfähige Zytostatikum zur Behandlung von Hirntumoren. Temozolomid dringt in die Krebszellen ein und zerstört sie. Die Standardbehandlung erfolgt nach dem sogenannten Stupp-Schema: fünfmal monatlich über mehrere Monate in Tablettenform. Das Perry-Schema wird häufig bei älteren Patienten angewendet. Beide Schemata werden primär bei Glioblastomen eingesetzt. Bei IDH-mutierten Gliomen kommt das CATNON-Schema zum Einsatz, das eine Strahlentherapie gefolgt von einem Jahr Temodal-Gabe im 5/28-Tage-Rhythmus umfasst. Das PCV-Schema wird beispielsweise bei Oligodendrogliomen angewendet.
Alternativen, wenn Temozolomid nicht wirkt
Wenn Temozolomid nicht wirkt oder eine Toleranz oder Resistenz auftritt, stehen andere medikamentöse Behandlungsoptionen zur Verfügung. Steht kein zugelassenes oder erstattungsfähiges Medikament zur Verfügung, können Patienten unter Umständen dennoch im Rahmen einer Off-Label-Anwendung, einer individuellen Heilbehandlung oder durch die Teilnahme an einer klinischen Studie behandelt werden.
Off-Label- und On-Label-Anwendung
Off-Label-Use bezeichnet die Anwendung von Medikamenten für eine andere Krebsart als die, für die sie ursprünglich entwickelt wurden. Auf Antrag des Arztes können die Kosten für diese Medikamente unter Umständen teilweise aus dem Sondersolidaritätsfonds erstattet werden, der speziell für schwere seltene Erkrankungen mit unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten eingerichtet wurde.
Darüber hinaus gibt es in Belgien auch eine bestimmungsgemäße Anwendung. Ein Beispiel hierfür ist Lomustin (unabhängig davon, ob es im PCV-Schema verabreicht wird), das routinemäßig als neoadjuvante und adjuvante Therapie bei niedriggradigen Gliomen sowie als Zweitlinientherapie nach Versagen von Temodal bei Glioblastomen erstattet wird. In letzterem Fall sind die Erwartungen jedoch begrenzt. Lomustin wird aufgrund seiner relativ geringen Kosten häufig als Vergleichspräparat in klinischen Studien eingesetzt, bisher konnte in diesem Kontext jedoch keine bessere Behandlung gefunden werden.
Compassionate Use
Bei der Anwendung aus Mitgefühl stellen Pharmaunternehmen Medikamente kostenlos zur Verfügung, in der Regel für seltene Erkrankungen mit geringer Inzidenz.
Experimentelle Behandlungen: Klinische Studien
Eine klinische Studie ist eine wissenschaftliche Untersuchung eines neuen Medikaments und findet in mehreren Phasen statt:
• Phase I: Toxizitätsstudien am Menschen, nachdem die Wirksamkeit in Modell- und Tierstudien nachgewiesen wurde. Dabei geht es um die Ermittlung der optimalen Dosis und erster Anzeichen der Wirksamkeit. Manchmal stellt sich heraus, dass ein Medikament zu viele Nebenwirkungen hat oder nicht ausreichend wirksam ist.
• Phase II: Wirksamkeitsstudie an einer begrenzten Anzahl von Patienten (40 bis 100), mit dem Ziel, nachzuweisen, dass das Arzneimittel bei einer relevanten Anzahl von Patienten wirkt.
• Phase III: Randomisierte Studie mit großen Patientengruppen (500 bis 1000). Die Hälfte der Patienten erhält die neue Behandlung, die andere Hälfte ein Placebo oder die Standardbehandlung. Dies ermöglicht wissenschaftlich fundierte Vergleiche. Bei seltenen Krebsarten ist die Rekrutierung einer ausreichenden Patientenzahl schwierig und mit hohen Kosten verbunden, was das kommerzielle Interesse mitunter einschränkt. Eine positive Phase-III-Studie mit nachgewiesenem Patientennutzen bildet in Belgien in der Regel die Grundlage für die Zulassung und Kostenerstattung.
• Phase IV: Studie nach der Zulassung.
Überlegungen und Ratschläge
Der gesamte Ablauf klinischer Studien ist auf Patientensicherheit ausgerichtet. Dies ist zwar unerlässlich, sollte aber Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen den Zugang zu neuen Therapien nicht verwehren. Es gibt Forderungen nach flexibleren Zulassungsverfahren und verstärkter Forschung zur Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikationen. Gleichzeitig bleibt es eine Herausforderung, das richtige Gleichgewicht zwischen Patientenschutz und dem Angebot neuer Therapieoptionen zu finden. Jeder Fall erfordert eine individuelle Beurteilung unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren.
Praktische Ratschläge
Onkologen in spezialisierten Zentren sind gut über die Möglichkeiten der Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikationen, der Anwendung im Rahmen eines individuellen Heilversuchs und klinischer Studien informiert. Sprechen Sie Ihren Arzt gerne an, wenn Sie trotz Behandlung einen Rückfall oder ein Wiederauftreten der Erkrankung erleiden.